Debatte um Sachsens Zukunftsbranchen

Zur Vorbereitung der neuen EU-Förderperiode ab 2014 erarbeitet das sächsische Wirtschaftsministerium eine neue Innovationsstrategie für den Freistaat. Der erste Entwurf stößt in der Chemnitzer Region nicht nur auf Zustimmung.

VON CHRISTOPH ULRICH

CHEMNITZ/DRESDEN - Die Bedeutung des Themas Innovation gewinnt in der Europäischen Union an Gewicht. Für den Finanzrahmen der EU von 2014 bis 2020 hat die Kommission eine Summe von rund 80 Milliarden Euro für die Förderung von Forschung und Innovation vorgeschlagen. Die Mittel werden vor allem über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) verteilt. Mit einer neuen Innovationsstrategie für den Freistaat will das sächsische Wirtschaftsministerium sich auf die neue Förderperiode vorbereiten, um später möglichst zielgerichtet auf die EFRE-Fördertöpfe zugreifen zu können. Doch der erste Entwurf aus dem Wirtschaftsministerium erntet Kritik aus Wirtschaft und Wissenschaft.

Die EU-Kommission hat sich für die neue Förderperiode zum Ziel gesetzt, vor allem den Schritt vom Forschungsergebnis zum marktreifen Produkt zu beschleunigen. Dafür hatte eine EU-Expertengruppe Schüsseltechnologien aufgelistet, die als strategisch besonders wichtig angesehen werden, sogenannte "Key Enabling Technologies" (KETs): Nanotechnologie, Nano- und Mikroelektronik, Neue Werkstoffe, Photonik, Industrielle Biotechnologie und Neue Produktionssysteme.

In der Entwurfsliste der sächsischen Schlüsseltechnologien fehlt allerdings das Thema "Neue Produktionssysteme", ein Feld, in dem vor allem in der Maschinenbau-Region Chemnitz intensiv geforscht wird. "Der Maschinenbau ist die Schlüsselbranche für Entwicklung und Umsetzung neuer Produktionssysteme", machte Reimund Neugebauer, Leiter des Chemnitzer Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik, auf diesen Mangel aufmerksam. Nach seiner Ansicht müsste sich die Strategie des Freistaats an den von der EU-Kommission identifizierten Schlüsselbranchen orientieren: "So erzielen wir einen Wiedererkennungseffekt, wenn es darum geht, im Wettbewerb mit anderen Regionen europäische Fördermittel zu akquirieren", meinte Neugebauer.

Auch Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer, hat seine Zweifel an der Auswahl der Schlüsselbranchen. "Grundsätzlich raten wir, mit vom Beamtentisch aus prognostizierten Zukunftsfeldern sehr vorsichtig zu sein", sagte Wunderlich. Innovationen seien in allen Branchen an der Tagesordnung und unterstützenswert.

"Grundsätzlich raten wir, mit vom Beamtentisch aus prognostizierten Zukunftsfeldern sehr vorsichtig zu sein."

Hans-Joachim Wunderlich IHK-Chef

Nach seiner Einschätzung müsse die Innovationsstrategie des Freistaates deutlich weiter gefasst werden, dazu gehörten auch Bereiche über die Zuständigkeit des Wirtschaftsministeriums hinaus. Allerdings hält der IHK-Chef den ersten Entwurf des Ministeriums noch nicht für festgezurrt. "Die IHK begrüßt den frühen Beginn der Arbeiten für die neue EU-Förderperiode", meinte Wunderlich.

Auch die Handwerkskammer Chemnitz (HWK) sieht für den vorliegenden Entwurf der Innovationsstrategie noch Diskussionsbedarf. Nach Einschätzung von Frederik Karsten, Geschäftsführer der HWK, geht das Strategiepapier an den Bedürfnissen des Handwerks vorbei. Der für Sachsen durchaus bedeutende Wirtschaftsbereich wird in dem über 200 Seiten dicken Papier überhaupt nur einmal erwähnt, als Kunsthandwerk. Nur größere Unternehmen mit eigenständigen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen hätten Chancen auf Förderung. "Um den Wirtschaftsstandort Sachsen zu stärken, sollte die Innovationsstrategie darauf ausgerichtet sein, zumindest auch die kleinen und mittleren Unternehmen an eigene betriebliche Innovationsprozesse heranzuführen", erklärte Karsten. Die Handwerkskammer Chemnitz würde es sehr begrüßen, in die Innovationsstrategie mit aufgenommen zu werden, meinte Karsten.

Für morgen hat das sächsische Wirtschaftsministerium Verbände, Kammern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen nach Dresden eingeladen, um den Entwurf der Innovationsstrategie erneut zu diskutieren. Eine erste Debatte Anfang Januar hatte den großen Diskussionsbedarf aufgedeckt.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 08.02.2012