Foto Mirko Reichl / © Mirko Reichl

Von Mariah Carey an die Drechselbank

10.11.2016

Rückkehrer tauscht das Musikbusiness gegen das Erzgebirge

Das Erzgebirge bietet ein lebenswertes Umfeld mit besten Voraussetzungen zur individuellen Entfaltung, sowohl beruflich als auch privat. Das bestätigte auch der „Zukunftsatlas 2016“ der Wirtschaftsforschungsgesellschaft Prognos. Hier belegt der Erzgebirgskreis Rang 166 von 402 beim Indikator Wohlstand und damit Platz 1 in Sachsen sowie eine Spitzenposition in Ostdeutschland. Diese idealen Bedingungen lassen viele Exil-Erzgebirger wie Martin Steinert zurück in ihre alte Heimat kehren und hier ihren Traum leben.

Olbernhau, 08. November 2016. Urig-gemütlich ist es in der alten Holzwerkstatt unweit des Drechselzentrums Erzgebirge in Olbernhau. Hier sammelt Martin Steinert alte Drechselmaschinen und hin und wieder drechselt er in der Werkstatt selbst. Hinter dem Holzbau blöken Schafe. „Erst gestern habe ich einem ehemaligen Kollegen aus der Musikindustrie ein Foto von den Schafen geschickt“, erzählt Steinert. „Ich hatte einmal zu ihm gesagt, ‚irgendwann werde ich mal Schäfer im Erzgebirge‘. Jetzt ist es soweit.“ Steinert schmunzelt, denn vorerst sind die Schafe nur vom Nachbarn geliehen. Ins Erzgebirge hat er mittlerweile vor 10 Jahren zurück gefunden, zusammen mit seiner aus Hamburg stammenden Frau. Zuvor arbeitete er für ein Musik-Label mit Stars wie Mariah Carey oder den Fugees zusammen. Jetzt ist er im erfolgreichen Familienunternehmen ‚Drechselzentrum Erzgebirge – steinert‘ tätig und verkauft Spezialmaschinen und -werkzeuge.

Wie ein junger Erzgebirger das Musikgeschäft in Ostdeutschland in die Hand nimmt

Martin Steinert hatte zu DDR-Zeiten Maschinenbau gelernt.  Eine große Leidenschaft galt aber schon immer der Musik, der Olbernhauer hatte zu der Zeit bereits in verschiedenen Bands gespielt. Zur Wendezeit kam ihm dann eine Geschäftsidee in den Sinn: Er wollte Plattengroßhändler für den Bezirk Karl-Marx-Stadt werden. Gedacht, gemacht. Er schnappte sich die Gelben Seiten, setze mit der Schreibmaschine einen Brief auf und schickte diesen an zahlreiche kleine und große Plattenfirmen. Das Label CBS (später Sony Music) meldete sich zurück und lud Steinert zum Vorstellungsgespräch nach Frankfurt ein. „Man hat mir sofort zugesagt. Allerdings nicht, um einen Plattengroßhandel zu betreiben, sondern um den Vertrieb für den neuen Markt in Ostdeutschland aufzubauen.“ Damit wagte der junge Mann den Sprung ins kalte Wasser. „Ich bin volle Kanne in die Marktwirtschaft reingefallen“, lacht er. Von Olbernhau aus baute er den Musikvertrieb der Plattenfirma in Teilen Ostdeutschlands auf.

Es folgte der Aufstieg im Konzern: Mitte der 90er zog Steinert nach Leipzig und fungierte von dort aus als Radiopromoter für Sony Music in Ostdeutschland. Fünf Jahre später zog das Label in das Sony Center Berlin, Martin Steinert zog mit. In dieser Zeit war er zu zahlreichen Radiostationen Ostdeutschlands unterwegs. Häufig reiste er dabei gemeinsam mit Stars und Sternchen der Musikbranche zu Interviews, Konzerten und Promotionevents. „Ob mit Mariah Carey, den Fugees, Bruce Springsteen oder Nena, ich war mit nahezu allen Künstlern des Labels unterwegs“, blickt Steinert zurück. „Das war eine tolle Zeit.“

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Rock’n‘Roll mit Drechselwerkzeug getauscht

2005 kam Vater Rolf Steinert auf seine beiden Söhne Martin und Roland Steinert mit der Frage nach der Unternehmensnachfolge zu. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau das Familienunternehmen ‚Drechselzentrum Erzgebirge – steinert‘ gegründet. „Ich war damals schon 15 Jahre im Musikgeschäft tätig. Zu dieser Zeit entwickelte sich das Business durch Casting-Shows usw. in eine Richtung, die mir nicht gefiel. Zudem hatte die Musikbranche durch die Digitalisierung – Stichwort mp3 – schwer zu kämpfen“, schaut Martin Steinert zurück. Aus diesen Gründen kam die Frage von Vater Rolf nicht ganz unpassend. Er besprach das Thema mit seiner Frau. „Einen solchen Schritt kann man nur gemeinsam und mit der Unterstützung des Partners gehen. Und ich hatte Glück: Meine Frau fand die Idee cool, ins Erzgebirge zu gehen.“ So haben sich die beiden 2006 bewusst dazu entschieden, ihre alten Jobs an den Nagel zu hängen und umzuziehen.

Trotz der erzgebirgischen Wurzeln von Martin Steinert war dieser Schritt für das Ehepaar ein Schritt ins Ungewisse. „Für uns war das ein richtiger Neuanfang. Klar hatte ich meine Familie noch vor Ort, aber Kontakte z.B. zu alten Schulfreunden waren mit der Zeit eingeschlafen“, so der 47-Jährige. Dabei stellten sich die beiden Wahlberliner auch die Frage, was sie im Erzgebirge erwarten wird: „Kann man hier Beziehungen wie in einer Großstadt aufbauen? Findet man hier überhaupt Menschen, mit denen man eine gemeinsame zwischenmenschliche Basis hat?“ Die Steinerts wurden nicht enttäuscht. „Ich sage ganz klar ja, solche Leute findet man! Die Erzgebirger sind herzlich und bodenständig und wir haben hier ein tolles Umfeld vorgefunden. Hier fetzt es einfach“, schwärmt Martin Steinert.

Neben dem privaten Neuanfang im Erzgebirge, brach Martin Steinert vor nunmehr 10 Jahren auch beruflich in neue Gefilde auf: 2006 stieg er ins Familienunternehmen ‚Drechselzentrum Erzgebirge – steinert‘ ein.

Der Porsche unter den Drechselmaschinen

„Ich hatte genauso Bauchkrabbeln, wie beim Einstieg ins Musikbusiness“, beschreibt Martin Steinert seinen Start im ‚Drechselzentrum Erzgebirge – steinert‘. Das Unternehmen wurde 1990 von Steinerts Eltern gegründet, die Geschichte reicht aber fast 100 Jahre zurück. Als Martin Steinert 2006 im Unternehmen beginnt, hatte sein Bruder Roland Steinert bereits die Geschäftsführung vom Vater übernommen. „Roland ist als Inhaber für die Firma verantwortlich. Dennoch entscheiden wir zusammen und lenken das Unternehmen gemeinsam.“ Zudem stehen die Eltern den Brüdern auch nach wie vor als Berater zur Seite. „Wir stimmen uns in der Familie eng miteinander ab und ziehen gemeinsam an einem Strang.“

Das ‚Drechselzentrum Erzgebirge – steinert‘ ist ein Handelsunternehmen für spezialisierte Holzverarbeitungstechnik, insbesondere in den Bereichen Drechseln und Schnitzen. Bekannt ist die Firma vor allem für ihre Spezialmaschinen: „Unsere Maschinen sind die Porsches unter den Drechselmaschinen“, sagt Martin Steinert stolz. Dies zeigt sich vor allem in Robustheit und Qualität der Drechselbänke, welche u.a. ebenfalls in Olbernhau bei einem erzgebirgischen Maschinenbauer produziert werden. Auch ausgefallene Wünsche bedienen die Steinerts. So zählt die weltgrößte seriell gefertigte Handdrechselbank zum Sortiment. Darüber hinaus vertreibt das Unternehmen mit den insgesamt 8 Mitarbeitern über 8.000 Artikel des Spezialsortiments. Dabei gehen die Maschinen und Werkzeuge in alle Welt, egal ob ins europäische Ausland, nach Äthiopien, Saudi Arabien und viele weitere Länder. „Drechseln hat in vielen Teilen der Welt eine Szene, egal ob als Handwerk oder zur Herstellung von Kunst“, erklärt Steinert. „Zwar ist das Erzgebirge durch das traditionelle Handwerk für das Drechseln bekannt, eine starke Szene gibt es beispielsweise aber auch in England.“ Dennoch ist das Erzgebirge für Steinert ein zentraler Baustein für den Erfolg des Drechselmaschinenhändlers: „In der Region gibt es eine lange Tradition des Sondermaschinenbaus, insbesondere auch für das Holzhandwerk. Mein Vater nennt das immer den Dualismus aus Holz und Metall. Von diesem Know-how profitieren wir. Zudem liegt es dem Erzgebirger in der Wiege, Dinge anzupacken. Damit können wir eine Qualität liefern, die unsere Kunden sehr schätzen und diese eng mit dem Erzgebirge verbinden.“

5 Fakten zum Erzgebirge

günstiges Wohneigentum

Umfangreiche Betreuungs- und Bildungsangebote für Kinder

optimale Bedingungen für den sportlichen und kulturellen Bereiche

niedrigste Kriminalitätsrate in Sachsen

attraktive Lebenshaltungskosten

Die Kunden der Steinerts kommen dabei häufig aus dem Freizeitmarkt. Hier drechseln Privatleute, meist als Hobby. Damit hilft diese Szene dabei, beispielsweise alte und aufwändige Drechseltechniken zu erhalten. „Ein Drechsler, der mit diesem Handwerk sein Geld verdienen muss, kann meist keine aufwändigen und zeitintensiven Techniken anwenden. Die passionierten Amateurdrechsler können das schon und geben ihr Wissen in der Szene weiter“, zeigt Martin Steinert auf. Das Wissen weitergeben möchte nun auch sein Vater Rolf. Er schreibt in den letzten Zügen an einer zirka 900 Seiten umfassenden „Enzyklopädie Drechseln“. Darin findet sich allerhand Wissenswertes rund um das Handwerk, beispielsweise dass Leonardo da Vinci maßgeblich an der Weiterentwicklung des Drechselns beteiligt war.

Ein weiteres Projekt ist die Organisation des Drechsler-Forum-Treffens 2017 in Olbernhau. Gemeinsam mit den Drechselfreunden Erzgebirge lädt Steinert die Mitglieder des Internet-Forums drechsler-forum.de in die Region ein. Dabei erwartet er am 6. und 7. Mai 2017 über 2.000 Teilnehmer aus Deutschland und dem europäischen Ausland. So hat Martin Steinert immer alle Hände voll zu tun, „aber ich arbeite mit Leidenschaft und habe mein Hobby in einer herrlichen Region zum Beruf gemacht. Was will man mehr?“

Das Erzgebirge in der Prognos-Studie „Zukunftsatlas“

Kürzlich wurde der „Zukunftsatlas 2016“ der Wirtschaftsforschungsgesellschaft Prognos vorgestellt. Das Ergebnis: Das Erzgebirge belegte im Gesamtranking Platz 368 aller 402 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Was im ersten Moment ernüchternd erscheint, liegt bei genauerer Betrachtung der Studie aber auf der Hand: Die Faktoren zur Bewertung der Regionen sind an verschiedenen Stellen auf Großstädte und Ballungsräume mit Konzernstrukturen zugeschnitten, so beispielsweise „BIP je Beschäftigten“, „FuE-Personal in der Wirtschaft“, „Patentintensität“ oder „Anzahl der Top 500 Unternehmen“. Das Erzgebirge zeichnet sich hingegen durch eine kleingliedrige Wirtschaft aus, nur die wenigsten der 16.500 Unternehmen im Erzgebirgskreis haben mehr als 250 Mitarbeiter. Gerade diese Kleingliedrigkeit sorgt aber dafür, dass Unternehmen der Region besonders clever im Finden von Lösungen für Probleme sind und damit Marktnischen mit Spitzenpositionen besetzen können. Dies hat sich nicht zuletzt in der letzten Wirtschaftskrise als Stabilitätsanker bewährt. Mit 104 Industriebeschäftigten pro 1.000 Einwohner hat der Kreis zudem die zweithöchste Industriedichte in Sachsen (Quelle: Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit; Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen).

Gleichzeitig ist die Region mit 191 Einwohnern/km2 das am dichtesten besiedelte Mittelgebirge Europas und der Erzgebirgskreis mit zirka 350.000 Einwohnern der einwohnerstärkste Landkreis Ostdeutschlands. Im Jahr 2014 hatte der Erzgebirgskreis erstmals wieder ein positives Wanderungssaldo(räumliche Bevölkerungsbewegung) – es zogen mehr Menschen in die Region als weg. Der Erzgebirgskreis hat dabei mit 11 Prozent die höchste Rückkehrquote in ganz Sachsen.  Gründe für diesen Trend sind zum einen in den guten Jobchancen im Erzgebirge zu finden: So betrug die Arbeitslosenquote im Oktober 2016 den sachsenweit niedrigsten Wert von 5,5 Prozent. Zum anderen liegen die Gründe dafür in Faktoren, die beim „Zukunftsatlas“ in den Indikator „Wohlstand und Soziale Lage“ einfließen. Hier belegt der Erzgebirgskreis Rang 166 und damit Platz 1 in Sachsen sowie eine Spitzenposition in Ostdeutschland. Ausschlaggebend dafür sind u.a. die niedrige Kriminalitätsrate (niedrigste Anzahl an Straftaten pro 100.000 Einwohner in Sachsen) sowie die geringe kommunale Schuldenlast, welche Spielräume für Investitionen zulässt. Darüber hinaus sind für Rückkehrer wie Sabine Brosch und Zuwanderer ins Erzgebirge weitere Faktoren ausschlaggebend: